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THEMA: Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn?

Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 07 Mai 2019 22:28 #51696

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Martin-O schrieb: @ Sargon
Wir reden aneinander vorbei, sprechen eine andere Sprache. Mythos und Mystik haben nicht viel miteinander zu tun.

Ja, scheint so. Mythen sind für mich der Versuch einer Antwort auf die Erfahrungen & Erscheinungen, die die frühen Menschen zutiefst irritiert und verunsichert haben. Zur Entlastung und Orientierung schufen sie sich Geschichten, die der Versuch waren, sich diesen unerklärlichen Erfahrungen & Erscheinungen praktisch und mental zu nähern und verstehbar zu machen.
Von Mystik habe ich keinen Schimmer.

Deine Einstellung zu Religion ist unwichtig

Das war auch nur eine Antwort auf ra-raisch; habe ich wohl nicht deutlich gemacht.

Du zählst [den Mythos] zur Naturphilosophie.

Nein. Die Funktion von Mythen ist nicht (allein) die Beschreibung der realen Welt der Tatsachen, sondern der Wahrnehmung, Wirkung und Sinnhaftigkeit dieser Welt und ist mehr oder weniger religiös-rituell angehaucht.
Naturphilosophie ist (kurz angerissen) die Schnittstelle zwischen allgemeiner Reflexion über die Natur und dem naturwissenschaftlichen Denken, das außer erkenntnistheoretischen und methodologischen auch ontologische Aspekte umfasst (wissenschaftliches Weltbild).
Sie bedient sich der im Laufe der wiss. Naturforschung erarbeiteten Begrifflichkeiten & Kategorien und hier gehören (mMn und im Gegensatz zu dir) teleologische & anthropozentrische Erklärungsmuster nicht dazu.

Es ist wahrscheinlich eine Frage des Standpunktes:
Betrachte ich den Kosmos als Gesamtheit, dann ist der Mensch eine (wohlgemerkt:) kosmische Schöpfung unter vielen, dessen Wirkungen gegen Null gehen, verglichen mit der Wirkung zB einer Supernova, die die höheren chemischen Elemente erzeugt und dessen Explosionsdruck zum Auslöser einer neuen Sternengeburt sein kann.
Betrachte ich den Kosmos und die Entwicklung seiner Materie unter dem Aspekt der Komplexität, welche in Form des menschlichen Gehirns zur Reflexion fähig ist, dann ist es schon (nach derzeitigem Stand) etwas Einzigartiges.

Was das starke AP (zB von Dyson) angeht, so halte ich (jetzt mal vorsichtig ausgedrückt) die Erklärungsrichtung für nicht gelungen. Die ursächlichen Vorgänge bewegen sich nur von der kosmologische Frühzeit hin zu uns Menschen der Gegenwart. Unsere Existenz kann nicht die ursächliche Begründung für die kosmischen Zustände der Frühzeit sein; das verdreht die Kausal- (und Zeit-) struktur.
Dass die lebensdienliche feinabgestimmte Verkettung von physikalischen Bedingungen nicht restlos mit deterministischen (und symmetristischen) Theorien beschrieben werden kann, liegt vllt. an den unzureichenden Theorien; ich nehme mal an, dass gerade Symmetriebrüche & zufällige Fluktuationen eine wesentliche Rolle spielen.
Abgesehen davon ist unser Kosmos mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der einzige (aber nicht aus QT-Gründen).

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 12:38 #51708

@ Sargon
Du hat in einem Posting 2 Ansätze, was die Funktion eines Mythos ist.
Zum ersten (Kontingenzbewältigung): Ja, diese Mythen gibt es. Mythos ist eine Gattung und enthält ein Sammelsurium. Ein Teil ist ein Vorläufer der Naturwissenschaft. Erst sehr spät haben sich Religion und Naturwissenschaft in einem schmerzlichen Prozess auseinander differenziert. Aber Mythen als frühe Form der Naturwissenschaft anzusehen, die unerklärliche Weltereignisse erklären wollen, ist arg einseitig. Viele Mythen beschreiben das entsetzliche Selbst- und Weltverhältnis des Menschen. Da wird überhaupt nichts erklärt, sondern im Gegenteil wird das zur Sprache gebracht, was jenseits unserer Erklärungen liegt.
Zum 2. (Deutung, Sinn): Nach diesem Ansatz sind einige Deiner Äußerungen klar Mythos. Du deutest, wertest auf einer Sinn-Ebene, das hat schon was Religiöses an sich. Hier stimmt Deine Selbstwahrnehmung nicht mit dem überein, was Du postest.
Dann sprichst Du von einem wissenschaftlichen Weltbild: Was soll das denn sein? Traditionell geht es da um spezielle kosmologische Fragen, v. a. um den Aufbau des Sonnensystems. Ich halte es für unangemessen, bei speziellen Themen von einem Weltbild zu reden. Das Folgende setzt ein enges Verständnis von „Weltbild“ voraus.
Es gibt auch nicht die Wissenschaft, auch nicht die Naturwissenschaft. Es gibt eine Fülle von Disziplinen, die jeweils einen Aspekt der Welt methodisch und reflektiert wahrnehmen. Die Zahl der Disziplinen steigt ständig, viele Forschungsgebiete gab es vor 20-30 Jahren noch nicht. Es ist gar nicht möglich, dieses Puzzlespiel zu einem Weltbild zu vereinen, es sei denn, man begibt sich auf die Deutungs-Ebene, dann wäre man aber wieder beim Mythos, nicht bei der Naturphilosophie.
Man kann sich das an dem Buch „Urknall, Weltall und das Leben“ klarmachen (ich bin jetzt leider für einige Tage unterwegs und habe es nicht zur Hand, deswegen bleibe ich etwas schwammig). Das Kapitel „Leben“ ist vernachlässigbar klein, aber es schließen sich ethische Aspekte und Deutungen an, spätestens da ist ein Bruch spürbar.
Du hast es auf den Punkt gebracht. Es kommt auf die Art der Fragestellung an (Physikalische Auswirkung, Komplexität). Aber wer bestimmt, welche Fragestellung bestimmend ist?
Naturwissenschaften haben ihren engen Rahmen. Wenn sie das mit dem Ganzen verwechseln, haben sie grundsätzlich nichts verstanden.
Weltbild enthält immer auch eine Deutungskategorie. „Naturwissenschaftliches Weltbild“ ist deshalb ein Widerspruch in sich.
Wissenschaften machen auch keine ontologischen Aussagen.
Anthropozentrische und anti-anthropozentrische Aussagen sind gleichermaßen Deutungen bzw. ideologisch. Das eine auszuschließen und das andere nicht ist m. E. selber eine Ideologie.
Solche Reflexionen gehören für mich zur Naturphilosophie. Naturwissenschaftler schmoren oft im eigenen Saft und nehmen die eigenen Verengungen und ideologischen Einseitigkeiten nicht wahr und halten sie für wissenschaftlich.

Auf diesen Thread bezogen:
Das Gleichnis vom Würfel, wobei alle Seiten objektiv gleich sind und nur für den, der auf einer Seite hockt, es subjektiv anders ist, benötigt schon einige Ideologische Vorgaben, um es auf das Weltall anzuwenden.
Denn dann müsste man die Welt kennen, in der gewürfelt wird. Diese Welt ist aber unserer Erkenntnis transzendent. Man braucht also religiöse Voraussetzungen, um dieses Bild zu benutzen. Objektiv besagt die Feinabstimmung, dass es exakt diese Konstellationen der Größen braucht, damit überhaupt stabile Atome entstehen können. Ist das nur subjektiver Anthropozentrismus, dass das eine Los: „Es gibt Atome“ gegenüber den vielen Nieten etwas Besonderes ist?
Mal ein Gedanken-Experiment: Nehmen wir an, die Welt wäre so, dass Sonnensysteme 100 Billionen Jahre Bestand haben, Atomenergie und Chemische Energie viel mehr Möglichkeiten bieten und alles noch viel komplexer ist. Für die Wesen dort wäre unsere Welt eine Niete. In diesem Sinne gibt es subjektive Anteile am AP. Dazu gehört, dass wir einen Mond und einen Jupiter haben, ohne das es uns Menschen wohl nicht geben würde.
Aber dass es überhaupt Atome gibt, kann man nicht dazu rechnen.
Im Bild gesprochen: Wenn auf allen Würfelseiten eine 0 steht außer einer, auf der eine 1 steht: Dann ist es objektiv gesehen unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die 1 gewürfelt wird.
Niemand sortiert diese Fragen objektiv. Das zu akzeptieren fällt wohl Einigen schwer.

Wer meint, er habe etwas erkannt, der weiß noch nicht, wie man erkennen soll.
1. Brief des Paulus an die Korinther 8, 2

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 13:20 #51709

Hallo Martin-O,
deinen Post 51708 finde ich bemerkenswert und einiger Gedanken würdig. Ohne deine Argumente zu Ende nachgearbeitet haben, könnte ich einige deiner Aussagen unterschreiben. Beachtenswert, da wir meiner Meinung nach aus verschiedenen Ecken kommen. Du schreibst aber:

Im Bild gesprochen: Wenn auf allen Würfelseiten eine 0 steht außer einer, auf der eine 1 steht: Dann ist es objektiv gesehen unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die 1 gewürfelt wird.

Wenn ich dein Argument richtig verstanden habe, dann bin ich der Meinung, dass das so auch schon eine metaphysische Seite hat. Ich denke, dass du außerdem noch eine Unterscheidung nach Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit machen müsstest. Sicher ist das gewählte Gleichnis mit dem Würfel metaphorisch zu verstehen. Da sollte eh Vorsicht walten um nicht vom Bild weggerissen zu werden. Dein Argument behandelt das Würfeln aber wie einen einmaligen Akt. Das zu behaupten, ist aber letztlich auch Metaphysik. Über die "Anzahl" der Würfelvorgänge kann von uns keine Aussage gemacht werden. Wir würden hier sicher hinter den Vorhang des objektiviert Erkennbaren blicken müssen, was in diesem Bild schon paradox wäre.
Postuliere ich meinetwegen beliebig viele Versuche, dann verliert die 1 das Odium des Unwahrscheinlichen, so wie ich es bei dir herauslese (das ist so unwahrscheinlich, dass ich es wie unmöglich behandeln kann). Die Fläche mit der 1 unterscheidet sich in nichts von den 999.999 0-Flächen. Dann wäre es sogar unwahrscheinlich, dass die 1 nicht irgendwann mal fällt.
Aber auch die Vielheit der Versuche ist zurzeit zumindest noch ebenso metaphysisch. Wir werden also nicht umhin kommen, das "Würfel-Argument" in die Reihe der Antinomien aufzunehmen bzw. es als Erscheinungsbild für eine Antinomie zu nehmen.


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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 13:57 #51711

Martin-O schrieb: Im Bild gesprochen: Wenn auf allen Würfelseiten eine 0 steht außer einer, auf der eine 1 steht: Dann ist es objektiv gesehen unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die 1 gewürfelt wird.

Das ist eine Frage der Bewertung!

Die vielen Nullen sind nicht gleich, sonst wäre das Würfelspiel falsch verstanden. Sie sind nur Nullen im Sinne des nötigen Wurfes. Sie sind nur aus Deiner subjektiven Sicht "gleich". Die vielen unterschiedlichen Nullen sind einzeln alle gleich wahrscheinlich wie die einzige benötigte Eins. Jede für sich ist genauso unwahrscheinlich, kann man auch sagen.

Nehmen wir Roulette zum besseren Verständnis dieses Bildes: Setzt Du auf die 35, werden alle anderen Zahlen für Dich zur Null. Dennoch ist die 2 genauso wahrscheinlich wie die 36 oder eben die 35. Dein Nachbar wird vielleicht sagen: "Ausgerechnet die 7 wurde geworfen, was bin ich doch für ein Glückspilz" .... für Dich ist das nur eine der vielen "wahrscheinlichen" Nullen.

Bei Wahrscheinlichkeiten ist es oftmals schwierig festzulegen, was "gleich" ist. Nimm einen Sack mit Strümpfen. Du kannst beim ersten Zug nur einen roten oder einen schwarzen erwischen, wie hoch ist Deine Chance auf einen roten? Ohne weitere Info ist die Antwort 50%, mit mehr Info über die Anzahl der beiden Strumpfsorten kommt vielleicht 0,000001% heraus. Wenn man dann aber noch weiß, wie diese Strümpfe im Sack ungefähr angeordnet sind, kommt womöglich dennoch 99,9999% heraus.

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 16:27 #51717

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@Martin-O

Aber Mythen als frühe Form der Naturwissenschaft anzusehen, die unerklärliche Weltereignisse erklären wollen, ist arg einseitig

Ich weiß nicht, wo du das gelesen hast – ich habe es jedenfalls nicht geschrieben, sondern: Mythen sind für mich der Versuch einer Antwort auf die Erfahrungen & Erscheinungen … sich diesen unerklärlichen Erfahrungen & Erscheinungen praktisch und mental zu nähern und verstehbar zu machen.
Vllt. machen das ein paar Beispiele verständlicher:
Hesiods Mythos der Götterentstehung ist der Versuch, die Weltentstehung zu erklären: Gaia – die Erde, Uranos – der Himmel, Okeanos – das Meer, Zeus – Wetterphänomene & die Weisheit.
Im sumerischen Mythos ist Innanas (im Griechischen: Persephones) Gang in die Unterwelt die Erklärung der Jahreszeiten.
Im Gilgameš-Epos wird das menschliche Schicksal, die Wandlung vom Schlechten zum Guten und der Wunsch nach Unsterblichkeit thematisiert.
Das hat mit N-Wiss, nichts zu tun und eine Einseitigkeit kann ich nicht erkennen!

Dann sprichst Du von einem wissenschaftlichen Weltbild: Was soll das denn sein?
Es gibt auch nicht die Wissenschaft, auch nicht die Naturwissenschaft.
Es ist gar nicht möglich, dieses Puzzlespiel zu einem Weltbild zu vereinen, es sei denn, man begibt sich auf die Deutungs-Ebene, dann wäre man aber wieder beim Mythos, nicht bei der Naturphilosophie.

Nun ja, du scheinst da so deine ganz privaten vom common sense abweichenden Definitionen & Vorstellungen von Weltbild, Wissenschaft & Naturphilosophie zu heben. Da ist es auch kein Wunder, dass wir einander vorbeireden.

Weltbild enthält immer auch eine Deutungskategorie. „Naturwissenschaftliches Weltbild“ ist deshalb ein Widerspruch in sich.

Naturphilosophie ist Deutung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse.

Es kommt auf die Art der Fragestellung an (Physikalische Auswirkung, Komplexität). Aber wer bestimmt, welche Fragestellung bestimmend ist?

Keiner! Man einigt sich auf einen Aspekt. Aber es gibt eben nicht nur den einen.

Objektiv besagt die Feinabstimmung, dass es exakt diese Konstellationen der Größen braucht, damit überhaupt stabile Atome entstehen können

Das ist, glaube ich, nicht ganz richtig. Wenn man die zentralen Kenndaten unseres Kosmos einer Variationsanalyse bzgl. Lebensformen unterzieht, gibt es eine Variationsbreite, zwar schmal, aber es gibt sie. Aber welche Kenndaten eines Kosmos zu welchen Lebensformen führt, darüber wissen wir einfach zu wenig und stochastische Spekulation bringt da mE auch keinen Erkenntnisgewinn.

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 17:02 #51719

@ Rajic
Die Welt des Würfelns ist rein hypothetisch – das habe ich auch schon so geäußert. Ich bin nur mal auf diese Ebene eingestiegen, weil so viele auf diese Art argumentieren.
Es geht doch um die Anfangsbedingungen der Welt. Die gibt es nur einmal. Alles andere ist Spekulation über viele Welten. Da empfehle ich Ockhams Frisörladen.
Wir reden darüber, dass die Größen wie Gravitationskonstante anders sein könnten. Auch das ist bereits ein Gedanken-Experiment. Welche Skala gibt es denn da, an der man drehen könnte? Es ist eine logisch-philosophische Betrachtung: Wenn nichts vorgegeben ist, muss theoretisch auch alles möglich sein. Real ist aber etwas ganz Bestimmtes.
Da eine Konstante unendlich viele Werte haben könnte, ist der „Würfel“ doch sehr groß ;) Es ist ein Gedankenexperiment, das mit einigen Tricks anschaulich, handgreiflich gemacht wird.
Wenn man das Buch „Urknall, Weltall und das Leben“ liest, ist es wie ein Krimi, dass an vielen Stellen eigentlich alles zu Ende ist, aber dann kommt da gerade noch etwas Feinabgestimmtes, wo es dann doch weiter geht. Beispielsweise die Fusionen in den Sternen, die ja auch alle schnell zu Ende gewesen sein könnten, so dass das Universum in kurzer Zeit schon beim Schlussakt gewesen wäre.
Für mich ist die angemessene Reaktion darauf das Staunen. Eine Möglichkeit, die Anfangsbedingungen zu erklären, sehe ich nicht. Spekulieren kann man viel, das wars dann aber auch schon.
Staunen ist keine wissenschaftliche Kategorie, es geht um unsere Existenz, unser Selbstverständnis. Aber irgendwie muss man ja das Staunen in Worte fassen und manchmal greift man da auch zur formalen Sprache der Mathematik und redet von Wahrscheinlichkeiten.
So ordne ich das Thema hier ein.

@ ra-raisch
Na klar ist es eine Sache der Bewertung! Nur kommt niemand aus der Bewertungs-Nummer heraus. Auch die Aussage, dass alle Möglichkeiten eine eigene Nummer sind, ist eine Bewertung. Das ist eben das Problem, dass man die eigene Sicht als die objektive ansieht und die anderen als subjektiv.
Denn wir können die Erfahrung, in dieser Welt zu sein, nicht wegschieben. Es gibt Atome und wenn einige Grundgrößen jeweils nur um eine Winzigkeit anders wären, gäbe sie es nicht. Das Argument: „Ob es Atome gibt oder nicht ist eine subjektive Sache“ ist selber ein subjektives Argument. Denn wo gibt es da objektive Kriterien, an denen man sich festhalten kann? Wenn man in diesem Kontext nicht Nietzsche liest, dann weiß ich auch nicht.
Es mag für Menschen, die es gewohnt sind, naturwissenschaftlich zu denken und zu arbeiten, ungewohnt sein, dass dies hier nicht möglich ist. Die Voraussetzungen, die den Rahmen einer Naturwissenschaft abgeben, sind hier nicht gegeben. Es ist die rein subjektive Sache der Gewohnheit, dass man es automatisch so macht.
Es ist staunenswert, dass es uns gibt. Dass ist eine existentielle Aussage, die aber am Rande von Naturwissenschaften entsteht. Genau so verortet Sargon Naturphilosophie.

Wer meint, er habe etwas erkannt, der weiß noch nicht, wie man erkennen soll.
1. Brief des Paulus an die Korinther 8, 2

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Wer meint, er habe etwas erkannt, der weiß noch nicht, wie man erkennen soll.
1. Brief des Paulus an die Korinther 8, 2

Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 19:39 #51722

Martin-O schrieb: Es ist staunenswert, dass es uns gibt.

Darum geht es aber nicht, denn das bezweifelt die anthropische Sicht gerade nicht. Das anthropische Argument ist ja gerade, dass es keinen besonderen Grund dafür geben muss, dass dieser große Zufall eingetreten ist.

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 20:46 #51723

Letztendlich geht es doch darum, wir wollen eine Statistik auswerten, in der es nur einen einzigen Eintrag gibt und niemand weiß, ob es auch andere gibt oder auch nur geben könnte.

Daher ist die Aussagekraft gleich Null.

Das besagt auch das AP, wir können daraus keinen Schluß ableiten, außer einem einzigen: es gibt das Universum und wir sind drin.

Glaube nichts, weil ein Weiser es gesagt hat. Glaube nichts, weil alle es glauben. Glaube nichts, weil es geschrieben steht. Glaube nichts, weil es als heilig gilt. Glaube nichts, weil ein anderer es glaubt. Glaube nur das, was Du selbst als wahr erkannt hast.

Buddha
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Buddha

Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 20:55 #51724

@ Sargon
Ad: Mythen: Sie bringen die Welt in eine Ordnung und in Zusammenhänge. Insofern ist Hesiods Mythos ein Vorläufer von „Urknall, Weltall und das Leben“. Deine Beispiele bestätigen meine Sicht, ich gebe zu, dass ich Deinen Aussagen einen anderen Akzent gegeben habe, weil ich das ewige „Mythen erklären den Donner mit Thors Hammer“ nicht mehr ausstehen kann. Dass Erklärungs-Mythen Funktionen der späteren Naturwissenschaft hatten, ist unbestritten.
Einseitig ist, dass nicht in den Blick kommt, dass Mythen oft das Gegenteil von Erklärungen sind, sondern die menschliche Existenz in ihrer unerklärlichen Abgründigkeit zur Sprache bringen. Was wird denn erklärt, wenn ein Mädchen vom ganzen Dort zu Tode getanzt wird, ihr Vater die Leiche zerstückelt und einpflanzt und daraus die Pflanze erwächst, von de sich die Menschen hauptsächlich ernähren? Es wird nur die Schuldverstrickung der Menschen erzählt, die in diese Welt eingreifen, um zu überleben. Also genau das, was wir gerade in der Ökokrise erleben. Wenn solche Mythen weiter ernst genommen worden wären, bräuchten wir vielleicht keine Greta.
Mythen zielen eben nur zum Teil auf das Erklären, oft auf das Erschrecken, Erstaunen und in Folge davon auf Ethik.
Mythen deuten die Dinge. Genau in dieser Funktion siehst Du die Naturphilosophie.
Ad: Weltbild: Hier folge ich u. a. Markus Gabriel. In wissenschaftstheoretischen Diskursen ist das, was ich schreibe, durchaus normal. Dass viele Naturwissenschaftler irgendwelche philosophischen Weltbilder mit Naturwissenschaft verwechseln, mag sehr verbreitet sein, richtiger wird es dadurch auch nicht. Was soll denn ein naturwissenschaftliches Weltbild sein?
Ad: Feinabstimmung:
Halten Wir fest: Es gibt da unterschiedliche Deutungen und Fragestellungen. Ob man sich da einigen kann, lasse ich mal so offen stehen. Aber es kann eben keiner sagen, wo es lang geht.
Ja, es gibt das Argument, dass die Feinabstimmung einfacher ist, wenn man völlig andere Lebensformen ansetzt. Aber Lebensformen, die ohne stabile Atome auskommen halte ich für mindestens höchst spekulativ. Das ändert nicht viel an der Ausgangslage.

@ ra-raisch
Worum geht es denn? Worum geht es Dir denn?
Mir geht es darum, dass es hier nicht um kausale Ursachen geht: Was sollte man denn da benennen? Menschen sind an kosmologischen Fragen interessiert, weil sie sich selbst verstehen wollen, in den großen Zusammenhang einordnen möchten. Das Staunen über die komplexe Welt (die nötig ist, damit wir existieren können) wird ja nur mittels Kausalketten an den Anfang zurück geführt und bleibt letztlich das gleiche Staunen.

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 21:18 #51726

Martin-O schrieb: @ ra-raisch
Worum geht es denn? Worum geht es Dir denn?

Jürgen hat es ganz gut auf den Punkt gebracht

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 22:25 #51730

Sargon schrieb:
Wenn man die zentralen Kenndaten unseres Kosmos einer Variationsanalyse bzgl. Lebensformen unterzieht, gibt es eine Variationsbreite, zwar schmal, aber es gibt sie.

Heinz Jürgen schrieb:
Daher ist die Aussagekraft gleich Null.

Ich meine auch, dass das aP nicht den Anspruch erheben kann, eine wissenschaftliche Erklärung zu liefern, maximal eine Anregung zu der Einsicht, dass es doch eben mehrere Kosmen gibt, so wie z.B. Andrej Linde sich das vorstellt.
Es scheint wohl davon abzuhängen, wie die Naturgesetze wirklich beschaffen sind: wenn die feinabgestimmten Größen und Konstanten eineindeutige Werte haben, dann ist es weiterhin rätselhaft, warum gerade dieser Kosmos existiert; sollten sie aber eine Variabilität aufweisen, wie Sargon schrieb, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass es mehrere Leben ermöglichende Kosmen gibt.

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 22:39 #51732

Wenn es nur darum geht, Statistiken auszuwerten, die keine sind und nach Ergebnissen zu fragen, dann ist mit dem AP in der Tat nicht viel los.
Aber so funktioniert menschliches Leben nicht. Bin ich knapp einem Verkehrsunfall entkommen, dann durchzuckt mich der Gedanke. Es hätte auch anders sein können.
Betrachtet man die Naturkonstanten und stellt fest, dass sie nicht beliebig anders sein können, es sei denn uns gibt es dann nicht, dann kommt dieser Gedanke unweigerlich.
Und es ist bezeichnend, dass es dann sofort Antworten gibt, warum es denn diese Feinabstimmung gibt: Da sind Stringtheorie und Multiversentheorie, da ist Teleologie. Warum halten Menschen das nicht aus?
Warum kann man nicht einfach staunen und dankbar sein, dass es uns gibt? Überspitzt gesagt: Wer nicht staunen kann, lebt nicht. Die sachliche Seite des Lebens ( > Naturwissenschaften) ist zwar auch sehr wichtig, kann da aber trotzdem nicht ganz mithalten.
Menschen haben schon immer dieses Staunen wachgehalten. So erzählen die Märchen, wie in den Flüssen Wein fließt, damit man darüber stolpert und staunt, dass da tatsächlich Wasser fließt! Dieses Staunen hat man bei der Frühindustrialisierung schnell beiseite geschoben und die Flüsse totgemacht, zB die Wupper.
Wir leben in einem Universum, das uns das gemachte Bett hingestellt hat. Es gab genügend Milliarden Jahre, so dass der Planet genug Kohlenstoff gebunden hat in Ablagerungen und eine Artenvielfalt aufgebaut hat. Statt darüber zu staunen, machen wir das alles rückgängig. Das AP ist eben viel mehr als die Tautologie, dass es uns gibt. Naturwissenschaft ist kein Selbstzweck sondern Teil der menschlichen Kultur. In dieser ganzheitlichen Sicht ist Naturwissenschaft, die nicht zum Staunen führt, falsche Wissenschaft

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Das Anthropische Prinzip - Sinn oder Unsinn? 08 Mai 2019 23:18 #51735

Martin-O schrieb: Wenn es nur darum geht, Statistiken auszuwerten, die keine sind und nach Ergebnissen zu fragen, dann ist mit dem AP in der Tat nicht viel los.

Der philosophische und/oder wissenschaftliche Wert des aP scheint sich auch in Grenzen zu halten. Die Fragen nach Begründung der Naturkonstanten und der Möglichkeit eines Kosmen-Ensembles gab es, soviel ich weiß, schon vorher.

Warum kann man nicht einfach staunen und dankbar sein, dass es uns gibt? Überspitzt gesagt: Wer nicht staunen kann, lebt nicht. Die sachliche Seite des Lebens ( > Naturwissenschaften) ist zwar auch sehr wichtig, kann da aber trotzdem nicht ganz mithalten.
In dieser ganzheitlichen Sicht ist Naturwissenschaft, die nicht zum Staunen führt, falsche Wissenschaft

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Staunen ist zugleich Motiv und Resultat wissenschaftlicher Tätigkeit, aber eine Wissenschaft kann mMn in dieser Hinsicht weder falsch noch richtig sein; es sind die Menschen, die staunen - oder nicht.
Folgende Benutzer bedankten sich: Heinz Jürgen

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