05.12.2017
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Interstellarer Besuch im Sonnensystem

Ja, Sie haben richtig gelesen, wir erfreuen uns gerade eines interstellaren Besuchers in unserem Sonnensystem: A/2017 U1 oder neuerdings 1 J / 2017 U1 ´Oumuamua. „2017 U1“ kodiert das Datum der ersten Beobachtung (U1 steht für Ende Oktober) und „A“ sollte ursprünglich den ersten Asteroiden dieser Art kennzeichnen – mittlerweile hat man sich auf „1 J“ für „ersten und interstellar“ geeinigt und „´Oumuamua“ könnte man aus dem Hawaiianischen übersetzen als „der uns als erster erreicht hat“.

 

Aber Namen sind Schall und Rauch – zu den Fakten: Der Asteroid lässt eine Hülle aus Gas und Staub vermissen (Koma) – daraus leiten wir ab, dass er kaum Wassereis trägt und überwiegend aus Metall besteht. Wo auch immer er seine Reise angetreten hat – leider können wir das nur vage erahnen -, entstanden ist er vermutlich innerhalb der Schneegrenze seines Heimatsterns oder er hat – weit weniger wahrscheinlich – vor seiner interstellaren Reise mehrere Runden um seinen Stern gedreht und dabei sein Wassereis abgedampft. Konkreter helfen uns seine beobachteten Helligkeitsschwankungen - sie lassen auf seine Rotationsgeschwindigkeit und seine äußere Form schließen.

 

Abbildung der Lichtkurven verschiedener Teleskope (aus der Publikation von Meech et al.)

 

Er könnte demnach zigarrenförmig sein mit einem Verhältnis von Länge zu Breite von nahezu 10 zu 1. Ohne genaue Kenntnis seiner Rotationsachse können wir seine Ausmaße nur grob abschätzen zwischen 160 und 800 Meter Länge.

 

Bildcredit: ESO/M. Kornmesser

 

Warum sind wir uns so sicher, dass 1 J / 2017 U1 ´Oumuamua nicht aus unserem System stammt? In erster Linie verrät ihn seine extreme Bahn. Beobachten können wir ihn zwar erst, seit er sich wieder auf dem Rückzug aus dem Sonnensystem befindet, aus den Daten lässt sich aber seine Gesamtbahn rekonstruieren. Offensichtlich ist der Asteroid fast senkrecht auf die Planetenscheibe getroffen, zudem mit ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit. Entlang seiner exzentrischen, hyperbolischen Bahn (Exzentrizität 1,2) raste er an seinem nächstgelegenen Punkt zur Sonne – innerhalb der Merkurbahn - mit stolzen 88 km/s vorbei. Selbst beim Austritt aus dem Sonnensystem wird er mit 26 km/s immer noch wesentlich schneller sein als unser hausgemachten Außenposten: Die Voyager-1-Sonde (ca. 17 km/s).

 

Bildcredit: NASA / JPL-Caltech

 

Apropos Voyager-1, (Helmut Preisinger hatte ja erst kürzlich einen News-Beitrag hierzu verfasst) - die hat vor wenigen Tagen wieder einmal ihre äußerst robuste 70er-Jahre-Technik unter Beweis gestellt. Kollegen der NASA zündeten erfolgreich die vier, länger als 37 Jahre schlummernden Antriebsdüsen der Sonde um ihre Antenne neu auszurichten. Die bisher eingesetzten, seit 2014 schwächelnden sog. Lagedüsen konnten damit entlastet/ersetzt werden.

 

Bildcredit: NASA/JPL (Wikipedia)

 

Es hat sich glücklicherweise ein Mitarbeiter gefunden, der die veraltete Programmiersprache noch beherrschte und den Zeitraum der Brenndauer neu programmieren konnte. Für die Lagekorrektur sind wesentlich kürzere Impulse notwendig, als sie bei Antriebsdüsen üblich sind. Am 28. November wurde das Manöver durchgeführt und 19,5 Stunden später wurde die erleichternde Botschaft empfangen: Die Antenne konnte mittels Millisekunden-Impulsen erfolgreich ausgerichtet werden. Damit ist ein Fortbestand der Mission auf zusätzliche zwei bis drei Jahre gesichert. Gewissermaßen TÜV und ASU neu – und das bei einer Kilometerlaufleistung von über 21 Milliarden Kilometern – nicht schlecht für ein Fahrzeug aus den 70ern.

 

Aber zurück zu unserem interstellaren Besucher. Am 14. Oktober 2017 hätten wir ihm zuwinken können, da ist er in 60-facher Entfernung des Mondes an uns vorbeigesegelt. Beunruhigend empfinde ich persönlich immer, dass solche Rendezvous erst im Nachhinein festgestellt werden. Es wäre eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn unsere Asteroidenjäger derartige nahe Vorbeiflüge vorhersagen könnten. Vielleicht kann ja ab 2019 das LSST (Large Synoptic Survey Telescope – Chile) helfen, die Genauigkeit entscheidend zu erhöhen und wir werden in der Lage sein, jedes Jahr einen interstellar Reisenden begrüßen zu können – bei geschätzten 10^26 derartigen Touristen im Sonnensystem wäre das tatsächlich eine realistische Erwartungshaltung.

 

Mit mehr zeitlichem Vorlauf wäre es auch realistischer, diese Objekte anzufliegen und vor Ort zu untersuchen. Wenn sie erst mal an uns vorbei sind, kommen wir kaum mehr hinterher. Für einen Gegenbesuch wird´s also noch ein wenig dauern – aber wir arbeiten daran - das gebietet allein schon die Höflichkeit…

 

(Josef M. Gaßner, 4. Dezember 2017)

 

 

Personen in dieser Konversation

  • Was mich an den Dingen ähnlich Voyager sehr betrüblich stimmt, ist dieser Fakt: "Es hat sich glücklicherweise ein Mitarbeiter gefunden, der die veraltete Programmiersprache noch beherrschte."

    Da wird Aufwand für ein Raumfahrzeug betrieben - OK es funktioniert wohl mittlerweile länger als erhofft - und dann gibt es irgendwann keinen mehr der es kontrollieren kann. Das Wissen wurde nicht an die nächste Generation(en) weitergegeben. Ganz klar steckt die NASA in finanziellen Zwängen, doch für mich ist es sehr halbherzig so ein ehrgeiziges Ziel mit Voyager zu verfolgen und schon nach ca. 40 Jahren dümpelt es weg. Verständlich, dass man nicht enorme Mittel in die Dauerüberwachung der Voyager Sonden stecken kann, doch Wissen weitergeben kostet meines Erachtens nicht viel.
    Das kommen Parallelen hoch:

    Star Trek: Der Film (Quelle Wikipedia)
    "Spock wird von V'ger zur Enterprise zurückgeschickt. Das riesige Raumschiff, in dem sich V'ger und die Enterprise befinden, hat die Erde erreicht und V'ger versucht Kontakt zu seinem Schöpfer aufzunehmen. Als er aber keine Antwort erhält, will er alle Menschen auf der Erde vernichten, da er denkt, dass sie die Kontaktaufnahme verhindern."

    Ähnlich ergeht es ja alten Aufzeichnungen der NASA Mondmissionen. Wiedergabegeräte fehlen oder können die alten Aufzeichnungen gar nicht mehr wieder geben. - alles für mich ein Zeichen, wie schlussendlich vieles nicht mehr wichtig ist - auch wenn es früher einmal Meilensteine der Menschheitsgeschichte waren.
    Da kann ich es gut verstehen, wenn irgendwelche Verschwörungstheoretiker kommen und behaupten man hätte Material absichtlich verrotten und verschwinden lassen, nur damit keiner den Schwindel irgendwann mehr aufdecken kann.

    Mir düngt die Menschheit befindet sich in einer Art Zeitstrudel, ähnlich dem umgekehrten Effekt im Schwarzen Loch. Kein Links, kein Rechts, kein Oben, kein Unten mehr nur noch ein Zeitpfeil der immer schneller und schneller vorangetrieben wird. Immer mehr und mehr Neues in immer kürzerer und kürzerer Zeit, immer schnellere Fortbewegungsmethoden, immer schneller als der andere sein, sogar der Klimawandel nimmt (anscheinend) an Fahrt auf anstatt langsamer zu werden (mit Volllldampf dem Abgrund entgegen - würde wohl unser Harry sagen - daher mit vier L). Vielleicht ist das eines der Untergangsszenarien der Menschheit. Vielleicht will es so die Natur. Vielleicht liegt es so in der Natur selbstbewusster Lebensformen? Vielleicht pointiert die Sache im Aberwitz mit Licht- und Überlichtgeschwindigkeit reisen zu wollen? Vielleicht führt diese quasi immer schneller werdende "Zeit" zu Gehirnkorrosion und der Mensch dreht schlussendlich komplett durch? Oder vielleicht löst sich der Geist des Menschen ab einer gewissen Geschwindigkeit auf und erlangt eine höhere Daseinsstufe? Viele Vielleichts...

    Unter diesem obigen Aspekt brauchen wir uns aktuell keine Vorstellungen über Generationenraumschiffe zu machen, wenn schon nach wenigen Jahrzehnten keiner mehr an Board ist, der alte Technik reparieren kann und so ein Raumschiff ständig während des Fluges zu erneuern grenzt mehr als nur an Utopie (Ressourcenfrage). Bleibt wohl schlussendlich nur das letzte obige Vielleicht. Hoffen wir also das Beste!