29.10.2016
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ExoMars / Schiaparelli

ExoMars – Nachschlag

Der 19. Oktober 2016 war kein guter Tag für die ESA. Denn bei der geplanten weichen Landung des Moduls Schiaparelli (benannt nach dem italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli) auf dem Mars ist etwas schiefgelaufen. Auch wenn es den Verantwortlichen bei der ESA schwerfällt, das zuzugeben: Ein wesentlicher Teil der Mission ExoMars ist gescheitert. Zwar erreichte die Hauptsonde Trace Gas Orbiter (TGO) die geplante Umlaufbahn um den Mars, aber das Landemodul Schiaparelli scheint auf der Marsoberfläche zerschellt zu sein. Peinlich! Nun behauptet Stephen Lewis vom Wissenschaftsteam, dass es bei ExoMars vornehmlich um eine Untersuchung der Marsatmosphäre geht und man bis auf die Daten, die Schiaparelli auf seinen letzten Kilometern bis zum Marsboden liefern sollte, wissenschaftlich alles bekommen werde, was man erwartet hat. Darf man das glauben? Ist es nicht so, dass Schiaparelli die Aufgabe hatte, die Technologie einer weichen Landung mit Hitzeschild, Fallschirm und Bremsraketen zu erproben? Will doch die ESA mit dieser Technologie 2020 einen Rover auf dem Mars aussetzen und dann bis zu zwei Meter in die Tiefe bohren, um nach Leben zu suchen. Ist unter diesem Gesichtspunkt die missglückte Landung von Schiaparelli wirklich nur von untergeordneter Bedeutung für den Erfolg von ExoMars? Kann man trotz des Verlusts von Schiaparelli noch herausfinden, warum das Bremssystem von Fallschirm und Bremsraketen versagt hat?

 

ExoMars Schiaparelli
Schiaparelli im Landeanflug (Bildquelle: ESA/ATG medialab)

 

Eine Menge Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte. Die ESA scheint sich einstweilen damit zu trösten, dass die Trägersonde TGO funktioniert. Sie soll nach Methan in der Marsatmosphäre suchen. Dass es dort Methan gibt ist mittlerweile bekannt. Mit ihrem on-bord Spektrometer konnte die Sonde Mars Express dieses Gas bereits 2003 nachweisen. Man weiß nur noch nicht, woher es kommt. Stammt es von Kometeneinschlägen oder von vulkanartigen Quellen auf dem Mars oder vielleicht doch vom Metabolismus eventueller Mikroben? Da sich Methan biologischen Ursprungs nicht von dem anderer Quellen unterscheidet, dürfte eine Zuordnung schwierig sein. Der Trace Gas Orbiter soll daher einzelne Methangaswolken auf ihrem Weg verfolgen um herauszufinden woher sie kommen. Kann das gelingen?

Da wir gerade beim „Miesmachen“ sind: Muss die ESA wirklich auf den Mars? Hat man denn nicht bereits mit der Rosetta-Mission und dem Absetzen des Landemoduls Philae auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko sowie mit dem vollautomatischen Weltraumfrachter (ATV) der ESA bewiesen, dass Europa Raumfahrt kann?

 

Zudem haben bis heute die USA, die Sowjetunion bzw. Russland, Europa (ESA), China, Indien und Japan 46 Marsmissionen gestartet, wovon jedoch 23 erfolglos verliefen. Aber mit Spirit, Opportunity und Curiosity kurven auch drei intakte Rover auf dem Mars herum. Also warum immer wieder „Auf zum Mars“? Die Verantwortlichen rechtfertigen diesen Drang häufig mit dem Argument, dass man von diesen Missionen viel über die Entstehung des Sonnensystems und insbesondere unserer Erde lernen kann. Außerdem wäre der Mars als Ressource für die zu Ende gehenden Vorräte auf der Erde von Bedeutung. Und nicht zuletzt benötige man auf lange Sicht Kolonien als Sprungbrett ins All.

All das mag seine Berechtigung haben. Aber könnte es nicht sein, dass noch etwas anderes dahintersteckt, zum Beispiel Stolz und Prestigedenken? Geht es vielleicht auch darum zu zeigen, dass Europa das Potential hat, im Kreis der anderen „Raumfahrtnationen“ mitzumischen“? Oder sicherzustellen, dass Fördergelder auch weiterhin kräftig fließen? Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen. Was könnte man mit den Milliarden, welche die genannten Raumfahrtnationen allein in Marsmissionen stecken, alles anfangen! Wäre es nicht sinnvoller, anstatt sich in Richtung Mars zu orientieren, dafür zu sorgen, dass unser Planet für die Menschheit ein lebensfreundlicher Ort im All bleibt? Dass dieser Zustand bedroht ist steht mittlerweile außer Zweifel. Der Klimawandel mag dabei noch das geringste Problem sein. Mit einer gemeinschaftlichen Anstrengung aller Nationen ist er vielleicht noch abzuwenden.
Gravierender ist das Anwachsen der Weltbevölkerung. Heute leben rund 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde, pro Tag kommen rund 230 Tausend dazu. Berechnungen der Vereinten Nationen sagen für 2050 eine Bevölkerung von 9,7 Milliarden, und für das Jahr 2100 eine von 11,2 Milliarden vorher. Dabei wird vorausgesetzt, dass die mittlere Anzahl der Kinder pro Frau (Fertilitätsrate) von heute 2,5 auf 2,0 bis 2100 sinkt. Läge die Fertilitätsrate nur um ein halbes Kind höher, so würde die Bevölkerung bis 2100 auf insgesamt 16,6 Milliarden steigen! Dass diese Bevölkerungsexplosion enorme Probleme hinsichtlich Ernährung, Ressourcen und im sozialen Mit- und Nebeneinander der Menschen aufwirft, bedarf keiner großen Vorstellungskraft.

Neben Klimakatastrophe und Überbevölkerung steht der Menschheit noch ein anderes Horrorszenario bevor. Dass die Erde irgendwann von einem größeren Asteroiden getroffen wird, steht außer Zweifel. Wir wissen nur nicht, wann das geschehen wird. Zwar vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein kleiner Asteroid in mehr oder weniger großem Abstand an der Erde vorbeirauscht, aber irgendwann kommt auch ein Kilometer großer Einschlagkörper auf uns zu. Welche Verheerungen eine solche Bombe anrichten würde, lässt sich anhand des Aussterbens der Dinosaurier vor rund 65 Millionen Jahren ermessen. Zwar glaubt man mittlerweile, dass an dem Massensterben nicht nur ein Asteroid, sondern auch gewaltige Vulkaneruptionen Anteil hatten, aber der Impaktor hat zumindest stark dazu beigetragen. Um diese vorhersehbare Katastrophe abzuwenden, sollte die Menschheit über entsprechende Abwehrmaßnahmen verfügen, und zwar viele Monate oder Jahre bevor sich ein Einschlag abzeichnet. Man müsste ja erst mal hin zu dem noch weit entfernten Asteroiden, um ihn zu zerstören oder abzulenken. Welche Verfahren dafür in Frage kämen, ist im News-Beitrag „Aida - Nasa und Esa lassen es krachen“ nachzulesen. Ob eines dieser Verfahren klappen könnte, wollen ESA und NASA 2022 erstmals an dem Asteroiden Didymos erproben. Man kann nur hoffen, dass der Menschheit ausreichend Zeit bleibt, ein wie auch immer geartetes Abwehrprozedere vorzubereiten. Die Kosten dafür werden riesig und vermutlich nicht von einer Nation zu stemmen sein. Aber der Versuch ist aller Anstrengungen wert: Denn wir haben nur die eine Erde.

Jörn Müller (29. Oktober 2016)

 

 

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