15.12.2017
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Marius Hills (Mondstation) und Pavonis Mons (Marsstation)

Werden wir Menschen jemals fremde Himmelsobjekte besiedeln? Von der Anreise ganz zu schweigen, scheinen fast unüberwindliche Herausforderungen dagegen zu sprechen. Als Bewohner eines Luftmeeres sind wir Menschen an ein sehr spezielles Habitat angepasst. Ohne diese Atmosphäre fehlt uns nicht nur buchstäblich die Luft zum Atmen, sondern auch der Schutz vor extremen Temperaturschwankungen und harter kosmischer Strahlung.

Seit wenigen Wochen gibt es nun einen Hoffnungsschimmer, zumindest auf unserem nächstgelegenen Ziel – dem Mond – eine bemannte Station einzurichten. Motiviert wird diese neue Sichtweise durch aktuelle Auswertungen der Daten früherer Mondsonden. Bereits von 2007 bis 2009 hatte die JAXA-Mission (Japan Space Agency) KAGUYA detaillierte dreidimensionale topographische Aufnahmen der Mondoberfläche erstellt und das Schwerefeld vermessen. Hierfür waren drei Satelliten im Einsatz – zwei davon dienten als Relaisstationen und die 2,1 x 2,1 x 4,2 Meter große, operative Sonde – SELENE (Selenological and Engeniering Explorer) – sammelte in 100 Kilometern Höhe die wertvollen Daten. Neben der technischen Bezeichnung sollte der Name auch an die griechische Mondgöttin erinnern. Göttin hin oder her, am Ende der Mission wurden die Satelliten mit 6.000 km/h auf der Mondoberfläche kontrolliert zum Absturz gebracht.

Ebenso erging es den beiden etwa ein Kubikmeter großen Sonden der GRAIL-Mission (Gravity Recovery and Interior Laboratory), die von September 2011 bis Dezember 2012 im Auftrag der NASA fleißig den Mond scannten. Bemerkenswert war ihr Verfahren zur Vermessung des Gravitationsfeldes: Die beiden Satelliten kreisten auf möglichst äquidistanten Bahnen und ermittelten im Mikrometerbereich winzige Störungen ihres gegenseitigen Abstandes, die durch Schwankungen im Gravitationsfeld des Mondes entstanden – das sogenannte Satellite-to-Satellite-Tracking.

 

Bildcredit: NASA / ARC / MIT

Bemerkung: Geowissenschaftler verwenden die Einheit Gal für 1 cm/c^2, beziehungsweise ein MilliGal = ein Millionstel der Erdbeschleunigung.

 

Warum investiert man derartigen Aufwand in die Vermessung des Mondes? Erstens natürlich im Auftrag der Wissenschaft und zweitens befindet sich zwischen Kruste und Mantel des Mondes die sogenannte KREEP-Schicht. Die Abkürzung steht für „Kalium, Rare Earth Elements and Phosphor“ – mit anderen Worten für wertvolle Rohstoffe – aber das ist eine andere Geschichte…

Zurück zur Wissenschaft. Bereits die ersten Messungen zeigten auf der erdzugewandten Seite im Gebiet Oceanus Procellarium (siehe rote Markierung) unterirdische Höhlen, vermutlich ehemalige Magmakammern, die durch eine ca. 50 Quadratmeter große Öffnung – ein sogenanntes Skylight – zugängig sind.

 

Bildcredit: Silvercat

Anfangs dachte man, die Höhlen wären vergleichsweise klein, basierend auf aktuellen Auswertungen scheint man allerdings einen Volltreffer gelandet zu haben. Unter dem Skylight verbirgt sich vermutlich ein zylindrischer Bereich mit ein paar Kilometern Breite und bis zu 50 Kilometern Länge. Einige Kollegen träumen bereits von ganzen Städten mit künstlicher Atmosphäre, wohl behütet vor dem Unbill des Weltalls unter einem 50 x 50 Meter Eingangstor.

 

Bildcredit: NASA / Jet Propulsion Laboratory / Arizona State University

Große ausgediente Magmakammern kennt man auch von unserem Planeten. Man findet sie beispielsweise auf Lanzarote oder Hawaii. Sie entstehen zumeist, wenn die Lava einen sanften Hügel hinab gleitet und dabei die oberste Schicht erkaltet, während unter ihr flüssige Lava mit niedriger Viskosität abfließt und einen Leerraum hinterlässt.

 

Bildcredit: Jeffrey Judd

 

Bildcredit: Lviatour

 

Bildcredit: Frank Schulenburg

 

Ich traue es mir ja kaum zu schreiben… Zu allem Überfluss hat man auch auf dem Mars eine geeignete Magmakammer ausfindig gemacht: am Pavonis mons.

 

Bildcredit: NASA / JPL / University of Arizona

 

Mit diesen unterirdischen Höhlen hat man wahrlich ein optimales Terrain gefunden – gewissermaßen „back to the roots“ – auch auf unserem Planeten haben wir ja in Höhlen unseren Siegeszug begonnen…

Technologisch haben wir uns seither beeindruckend weit entwickelt, allerdings hinken wir ethisch, moralisch, menschlich dem deutlich hinterher. Damit wären wir bei einer Gefährdung kosmischer Abenteuer angelangt, gegen die auch die dickste Schutzschicht aus Gestein machtlos ist: dem Faktor Mensch.

1999 wurden beispielsweise zur Vorbereitung auf die ISS mehrere Teams monatelang von der Außenwelt isoliert um die zwischenmenschlichen Auswirkungen des Zusammenlebens auf einer Raumstation zu simulieren. In der Endphase gab es schon mal blutige Nasen und eine kanadische Teilnehmerin wurde von einem Russen Kollegen mit Gewalt zu einem Kuss „überredet“…

Der Faktor Mensch ist kaum kalkulierbar unter den extremen Bedingungen einer Weltraummission. Die russische Weltraumorganisation RosKosmos hat die Teilnahme weiblicher Kandidaten mittlerweile eingestellt. Westliche Organisationen glauben noch an eine friedliche Koexistenz von Mann und Frau im Weltraum…

Mit Hilfe dieser sogenannten Analogmissionen versucht man ständig neue Erkenntnisse hinzu zu gewinnen. In einem Keller in Moskau wurden im Projekt Mars-500 Wissenschaftler verschiedener Länder für 520 Tage eingesperrt. Dabei wurden auch Systemversagen wie vollständiger Stromausfall für mehr als 24 Stunden simuliert. Erst kürzlich ging mit der HI-SEAS V wieder eine 8-monatige-Analog-Mission am Mauna Kea (Hawaii) mit weiblicher Beteiligung zu Ende. Alle Beteiligten konnten sich dabei auch am letzten Tag noch gut riechen – kein Kunststück bei acht Minuten Dusche pro Woche…

Es ist schon bezeichnend, dass wir auf dem Weg ins All vor allem uns selber erst mal kennenlernen müssen…

Vielleicht noch zu einer weiteren Schwäche unserer Spezies: wir sind auf kontinuierliche, idealerweise tägliche Nährstoffzufuhr angewiesen. Zumindest hier scheint eine Lösung in Reichweite. Auf der ISS wird mittlerweile erfolgreich Salat angebaut und geerntet. Allerdings ist hierfür als Nährboden eine Mischung aus mineralhaltiger Kalkmasse und Dünger notwendig. Spätestens bei einer Besiedlung des Mars bleiben derartige Rohstoffversorgungen zwangsläufig aus – man benötigt eine nachhaltige Lösung.

Deshalb baut man mittlerweile auf simuliertem Marsboden, d. h. in modifiziertem Vulkansand auf Mauna Loa (Hawaii), erfolgreich Tomaten, Erbsen und Roggen an. Haben Sie den Film „Der Marsianer“ gesehen? Dann erinnern Sie sich vermutlich an die Szene, bei der Mark Watney auf einer Mischung aus Marssand und eigenen Exkrementen Kartoffeln anbaut.

 

Bildcredit: Twentieth Century Fox

 

Genau bei derartigen Unterfangen unter realen Bedingungen könnte nun ein echtes High-Tech-Wesen zu Hilfe kommen: der gemeine Regenwurm...

Regenwürmer bringen Blatt- und Steureste in tiefere Regionen und servieren sie dort den Bakterien. Ihr Kot enthält organisches Material, das vorverdaut einen leichteren Nährstoffzugriff ermöglicht. Wer von Ihnen Erfahrung im eigenen Garten gesammelt hat, dem brauche ich zu den Talenten der Lumbricidae nichts weiter zu erzählen…

 

Bildcredit: Wamelink / Universität Wageningen

 

Vor wenigen Wochen konnten nun erstmals erfolgreich Regenwürmer in simuliertem Marsboden vermehrt werden. Offensichtlich scheint sich diese Spezies in Extremsituationen deutlich kooperativer zu verhalten als unsere. Vielleicht müssen wir Menschen bis zur erfolgreichen Besiedelung des Weltraums noch unsere soziale Kompetenz soweit verbessern, bis wir mit dem Regenwurm auf Augenhöhe sind…

 

 

(Josef M. Gaßner, Dezember 2017)

 

 

 

 

 

 

 

 

Personen in dieser Konversation

  • Ei-ei-ei!

    Der Beitrag lechzt förmlich nach einem kleinen Kommentar von mir. (Womit wir die Schuldfrage für die Ursache diese Kommentar geschickt reversiert hätten. ?)

    Ja mit den Weltraummissionen – vor allem wenn sie denn länger dauern – ist schon eine Krux. Verschärfend kommt hinzu, dass der moderne Mensch es stetig gewohnt ist bei Problemen auf externe Dritte (Spezialisten) zurückzugreifen. Denken wir an die Zeit zurück als wir noch in Höhlen lebten und quasi jeder Mensch alles machte und vor allem machen musste. Da hat man sich zwangsweise gegenseitig helfen müssen um zu überleben. Da wurde ein gebrochener Arm eventuell mit Stöcken und Pflanzenseilen geschient und gehofft, dass alles wieder gut wird. Infektionen wurden mit Kräutern und guten Pilzen behandelt – OK, sicherlich nicht perfekt – aber es funktionierte zumindest so gut um eine stete Weiterentwicklung des Menschen zu ermöglichen.
    Fällt heutzutage ein Kind auf der Straße hin und schürft sich das Knie auf, führt nicht selten der erste Weg gleich in die Notaufnahme. Erinnere ich mich an meine Kindheit tat es ein frisch gewaschenes (eventuell zuvor kurz aufgekochtes) Tuch zum Sauberwischen der Wunde und etwas Jod. Klar Notaufnahme, Fachärzte, (fast) sterilere Umgebung, viel Technik und Medikamente sind fortschrittlicher und vermutlich schonender – die Heilung an sich bleibt trotzdem die gleiche.
    Doch nicht nur aus medizinischer Sicht gleichsam aus handwerklicher Sicht drohen lange Weltraummissionen schnell zu einem Desaster zu werden. Wenn man in Deutschland zur Reparatur eines herausgezogenen Kabels aus einem Schukostecker prinzipiell einen Fachmann für Elektroarbeiten sprich Elektriker ordern müsste, weil man selber „nur“ zum Beispiel promovierter Astrophysiker ist, der die gesetzlich vorgeschriebenen notwendigen Fachkenntnisse zur Ausführung von Elektroarbeiten nicht besitzt, kann man/frau sich schnell vorstellen, an welchen essentialen Kleinigkeiten solche Weltraummissionen scheitern könnten. Ich kann mir gut vorstellen, wie schnell sich so eine Mission einen alle-Technik-beherrschenden Zauberer wie den guten alten „Scotti“ vom Star Trek TOS herbeiwünschen würde. Kleine Probleme lassen sich sicherlich mit etwas Improvisation lösen bei größeren Problemen – vor allem dann, wenn kein brauchbares Ersatzteil zu greifen ist – kann der Notruf: „Houston wir haben ein Problem!“ schnell die letzte Botschaft der Weltraummission gewesen sein. Wer im Winter bei -20 °C schon mal einen Totalausfall der Wohnraumheizung erlebt hat, weiß wie endlos lang die Stunden im Bett werden können, wenn das notwendige Ersatzteil inklusive des Monteurs erst in 2-3 Tagen geliefert wird…

    Für das menschliche Zusammenleben enden solche Extremvorkommnisse leider oftmals in dem sprichwörtlichen Mord und Totschlag.

    Da fragt man/frau sich wirklich, was machen Regenwürmer besser? Sind sie Ignoranten der Situation? Oder machen sie einfach weiter, was sie tun müssen und sollen so lange es geht?
    Fressen sie sich im Notfall gegenseitig auf, wenn die Nahrung zu Ende geht – so wie es früher Schiffbrüchige auf hoher See auch taten? Sollte man sowas für Notsituationen bei Weltraummissionen in die Missionshandbücher schreiben – so ähnlich wie menschliche Extremente bei Missionen in Raumanzügen auch in diesen ausgeschieden werden können/müssen?

    Sieht man die aktuellen Entwicklungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen wird einem schnell klar, wie von Jahr zu Jahr die Polarisierung nicht nur zwischen Mann und Frau voranschreitet. Denke ich an die Nachricht, dass eine Frau ihren früheren Freund wegen sexueller Belästigung verklagt, weil er angeblich vor 15 Jahren im Kino seine Hand wiederrechtlich auf ihr Knie gelegt hat, dann darf ich nur nicht hoffen, dass eine meiner früheren Freundinnen nicht auf ähnliche Gedanken kommt, um von mir ein hübsches Schadensersatzsümmchen einzuklagen. Nicht auszudenken, wenn auf einer Weltraummission so ein Affront – sagen wir mal rein zufällig und unabsichtlich – passiert. Müssen dann die Involvierten durch ein Ferngericht dazu verdonnert werden mindestens 30 m Abstand voneinander zu halten, damit sowas nicht mehr passiert und wird bei Wiederholung oder Missachtung der Schuldige an Ort und Stelle in die Arrestzelle gesteckt oder schlimmstenfalls in der Kryokammer eingefroren?

    Wenn uns die Regenwürmer sehen, hören und verstehen würden, die würden ihre nicht vorhandenen Hände an die nicht vorhandenen Augen schlagen und mit dem nicht vorhandenen Kopf schütteln!

    Das Zusammenleben in Extremsituationen muss nicht extrem sein, kann aber schnell extrem werden und je extremes es wird, desto höher muss die gegenseitige Toleranz werden um das schlimmste (Mord und Totschlag) zu vermeiden oder zumindest so weit wie möglich hinauszuzögern.
    Und ja – ein unaufgeforderter Kuss von einem ungeliebten Menschen mag vielleicht abscheulich sein – es bringt aber keinen um und schadet auch keinem und wenn damit die Mission zu einem guten Ende geführt werden kann und es zu Entspannung der Situation beiträgt – dann möge dieser Kuss der „Erlöser“ sein.

    Ich denke die Regenwürmer würden es genauso machen…

    P.S. Sorry aus zeitlichen Gründen nicht redigiert. Schönen 3. Advent an alle.