Jörn Müller

Jörn Müller

12.02.2016
Publiziert in News

Gravitationswellen: Die Zweite

Am 4. Dezember 2015 haben wir in dem News-Beitrag „Gravitationswellen“ gefragt: Kann man sie nachweisen? Ein indirekter Nachweis war ja bereits Russell Hulse und Joseph Taylor 1974 gelungen anhand des Doppelsystems PSR1913+16, bestehend aus einem Neutronenstern und einem Pulsar. Durch das Kreisen um den gemeinsamen Schwerpunkt erzeugen die Objekte starke Verwerfungen in der Raumzeit und verlieren dabei kontinuierlich Energie. Dadurch nähern sie sich einander pro Jahr etwa 3,5 Meter an und diese Änderung der Bahnparameter wurde nachgewiesen (Nobelpreis 1993). Aber ein direkter Nachweis, eine Messung der Gravitationswellen, jener Prognose, die Albert Einstein vor rund 100 Jahren aufgestellt hatte, diese Trauben schienen zu hoch zu hängen. Einstein selbst erachtete es als unmöglich, Messungen jemals mit der nötigen Präzision durchzuführen. Wir sprechen hier von relativen Stauchungen und Dehnungen der Raumzeit in der Größenordnung von 10 -21, das entspricht einem Atomdurchmesser im Verhältnis zur Entfernung Sonne Erde.

Zu allem Überfluss haben die Kollegen ihren größten Triumpf am 14 September 2015 auch noch verschlafen – die Gravitationswelle wurde nämlich in den frühen Morgenstunden in Hanford und Livingston (beide USA) aufgezeichnet, mit einer zeitlichen Differenz von 7 Millisekunden. So kam es, dass die Entdeckung hier in Deutschland (Hannover) um 10:50:45 Uhr unserer Zeit zuerst aufgefallen war.

 

gravitationswellen3 hanford livingston

Hanford Livingston - (Bild: Caltech/MIT/LIGO Lab)

Erläutern wir kurz die Funktion der beiden Observatorien. Im Prinzip handelt es sich dabei um zwei riesige Michelson-Interferometer mit Armen von mehreren Kilometern Länge. Das von einem Laser emittierte Licht wird mittels Strahlteiler in die beiden Arme gelenkt, an deren Ende von Spiegel reflektiert und über den erwähnten Strahlteiler wieder zusammengeführt. Das dabei resultierende Interferenzmuster wird von einem Detektor analysiert. Trifft eine Gravitationswelle auf diese Anordnung, so wird einer der Arme kurzfristig gestaucht, der andere gleichzeitig etwas gelängt. Nach einer halben Periode kehren sich die Verhältnisse um: der zuvor gestauchte Arm wird nun gelängt, während der andere gestaucht wird. Aufgrund dessen kommt es zu einer Phasenverschiebung der beiden an den Spiegeln reflektierten Lichtwellen, was sich als Störung des vom Detektor registrierten Interferenzmusters bemerkbar macht. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht den Aufbau der Observatorien.

gravitationswellen

(Bild: B. P. Abbott et al. Phys. Rev. Lett. 116, 061102 – Published 11 February 2016)

 

Verursacht wurden die Raumzeitwellen durch die Verschmelzung zweier umeinander kreisender Schwarzer Löcher (SL) mit Massen von rund 36 bzw. 29 Sonnenmassen zu einem SL von rund 62 Sonnenmassen. Die Differenz von 3 Sonnenmassen wurde in Form von Gravitationswellen abgestrahlt, die rund 1,2 Milliarden Jahre später auf der Erde ankamen. Heute ist der Ort an dem die „Vereinigung“ stattgefunden hat 390 Mpc, bzw. 1,27 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht den Prozess der Verschmelzung. Interessant ist der am unteren Bildrand über einen Zeitraum von 0,3 Sekunden dargestellte Verlauf der Signalstärke der beiden Detektoren.

gravitationswellen2

(Quelle: www.starobserver.org, bzw. Astronomy Picture of the Day 11.02.2016)

Abschließend stellt sich noch die Frage wie vertrauenerweckend das Ergebnis ist. Nachdem in letzter Zeit einige voreilige Publikationen erschienen, ist Skepsis angebracht. Zahlreiche Prüfungen heben jedoch das Ergebnis auf ein Vertrauensniveau von etwas mehr als 5-Sigma. Das bedeutet: die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein derartiges Ergebnis zufällig auch ohne den Durchgang einer Gravitationswelle einstellt, ist mit 1 zu 3,5 Millionen extrem klein.

Welche Bedeutung hat der Nachweis für die Wissenschaft?

Mit der ersten Detektion von Gravitationswellen hat sich ein weiteres Fenster ins Weltall einen Spalt weit geöffnet. Sobald weitere Anlagen in Betrieb gehen (VIRGO und KAGRA) werden wir in der Lage sein, Triangulation zu betreiben, d.h. die Herkunft der Signale zu bestimmen. Damit werden wir das Eintreffen von Gravitationswellen aus kosmischen Ereignissen vergleichen mit den Photonen dieser Phänomene und Aufschluss gewinnen über die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Gravitationswellen. Daran geknüpft ist auch die Frage, ob ein potentielles Graviton masselos ist.

Nicht zuletzt bestätigt dieser Gravitationswellen-Nachweis auch die Existenz von SL-Doppelsystemen stellarer Masse. Ein willkommenes Nebenergebnis der Theorie zur Verschmelzung Schwarzer Löcher.

Salopp formuliert könnte man sagen, ein weiteres Tor zu den Rätseln dieser Welt steht uns offen. Neben der dunklen Seite des Universums bekommen wir es jetzt auch noch mit der verbeulten Seite zu tun. – Und Einstein? Er hat wieder einmal Recht behalten. In Bayern würdigt man derart außergewöhnliche Persönlichkeiten mit der Bemerkung: A Hund war a scho.

04.12.2015
Publiziert in News

Gravitationswellen – Kann man sie nachweisen?

Einstein hatte schon kurz nach der Veröffentlichung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie 1915 darauf hingewiesen, dass die Raumzeit, unter gewissen Umständen in Schwingungen geraten kann. Ähnlich wie ein in das Wasser geworfener Stein nach allen Seiten auslaufende Wellen entstehen lässt, müssen nach Einsteins Vorstellung beschleunigte Massen sogenannte Gravitationswellen hervorrufen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit durch das All fortpflanzen. Als Quellen für Gravitationswellen kommen insbesondere um ihren Massenschwerpunkt rotierende, massereiche Doppel- oder Neutronensterne, Supernovaexplosionen, der Zusammenstoß Schwarzer Löcher, aber auch der Urknall selbst in Frage. Sollte es also gelingen Gravitationswellen nachzuweisen, so wäre dies eine weitere, phantastische Bestätigung Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie. Aber nicht nur das: Mit den Gravitationswellen würde sich auch ein neues Fenster für einen Einblick tief in die Frühzeit unseres Universums auftun, vielleicht sogar bis in die Nähe des Urknalls.

Dass Gravitationswellen, falls es sie denn gibt, so schwer nachzuweisen sind, liegt daran, dass der Effekt beim Durchgang einer Welle so winzig ist. Die relative Längenänderung, welche eine Gravitationswelle verursacht, beträgt etwa 10-21, auch wenn sie von einer starken Quelle ausgeht. Demnach würde ein Stab von einem Kilometer Länge durch eine Gravitationswelle nur um ein Tausendstel des Durchmessers eines Protons gestaucht bzw. gestreckt! Derart geringe Längenänderungen nachzuweisen stellt Experimentalphysiker vor enorme Probleme. Selbst kaum wahrnehmbare Erschütterungen der Messapparatur können den durch eine Gravitationswelle verursachten Effekt überdecken.

Die ersten Versuche zum Nachweis von Gravitationswellen gehen auf den Physiker Joseph Weber in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurück. Mit Aluminiumzylindern von ein bis zwei Metern Länge, wollte er die durch Gravitationswellen verursachten Schwingungen dieser Probekörper nachweisen. Zwar glaubte Weber Signale von Gravitationswellen empfangen zu haben, aber seine Messungen konnten von niemandem reproduziert werden. Vermutlich waren die Schwingungen durch Störquellen in der Umgebung verursacht. Bessere Resultate erhoffte man sich von zwei anderen Einrichtungen: dem Gravitationswellenobservatorium LIGO und dem Gravitationswellendetektor GEO600. Die 2002 in Betrieb genommen LIGO-Detektoren, einer in Hanford, USA, der andere in Livingston, USA, bestehen aus zwei im rechten Winkel zueinander angeordneten Vakuumröhren von je zwei bzw. vier Kilometern Länge.

 

LIGO Hanford

LIGO Hanford, USA   Armlänge zwei Kilometer

(Quelle: http://www.ligo.org/multimedia/gallery/lho-images/Aerial5.jpg)

Im Inneren der Röhren reflektieren an den Röhrenenden angebrachte Spiegel das von einem Laser im Schnittpunkt der beiden Röhren ausgehende Licht zurück zu einem Laserinterferometer. Theoretisch sollte LIGO Längenänderungen der Röhren von einem Tausendstel eines Protonendurchmessers detektieren können. Dennoch ist es bisher nicht gelungen Gravitationswellen eindeutig nachzuweisen.Gleiches gilt für GEO600, einem Detektor in Ruthe bei Hannover, der über zwei je 600 Meter lange Vakuumröhren verfügt. Auch hier wird die Längenänderung mit Hilfe eines Laserinterferometers gemessen. Mit ΔL / L = 10-21 ist die relative Empfindlichkeit des Detektors ähnlich groß wie bei dem LIGO-Experiment.

 

GEO600

GEO600 in Ruthe, BRD   Armlänge je 600 Meter

(Quelle: www.geo600.uni-hannover.de/geo600/site/pictures/bild9.jpg)

In der Hoffnung in absehbarer Zeit mit diesen Apparaturen doch noch Gravitationswellen nachweisen zu können, wird gegenwärtig daran gearbeitet die Empfindlichkeit der beiden Systeme weiter zu steigern und die Detektoren vor allem von störenden Umwelteinflüssen noch besser abzuschirmen.
Neben diesen Detektoren suchen auch noch die japanischen Detektoren KAGRA und TAMA300 und der französische Detektor VIRGO nach Gravitationswellen. Auf eine detaillierte Beschreibung wollen wir hier jedoch verzichten.
Alle bisher erwähnten Detektoren sind erdgebunden und „leiden“ daher unter den Beeinträchtigungen durch ihre Umgebung. Ein im All stationiertes Observatorium wäre zumindest von „irdischen“ Erschütterungen nicht betroffen.

 

eLISA

Satellitendreieck des eLISA Gravitationswellenobservatoriums

(Quelle: http://www.projectcollision.com/index.php?page=inSpace)

Bei dem von der ESA geplanten eLISA-Observatorium (evolved Laser Interferometer Space Antenna), dessen Start für 2034 vorgesehen ist, handelt es sich um ein im Weltraum stationiertes Laboratorium. eLISA soll aus drei Satelliten bestehen, die ein gleichseitiges Dreieck mit einer Seitenlänge von rund einem Kilometer aufspannen. In jedem der Satelliten befinden sich zwei schwerelos schwebende Testmassen. Je eine Testmasse in einem Satelliten, ist mit einer Testmasse in einem der anderen Satelliten über ein Laserinterferometer gekoppelt. Damit wird es möglich den gegenseitigen Abstand der Satelliten zu überwachen und konstant zu halten. Das gesamte System soll der Erde im Abstand von circa 50 Millionen Kilometern auf ihrer Bahn um die Sonne folgen.

 

Bahn LISA

Bahn von eLISA um die Sonne

(Quelle: Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik)

Läuft eine Gravitationswelle durch das System, so ändert sich der Abstand zwischen den interferometrisch gekoppelten Testmassen. Abstandsänderungen bis zu 10-12 Metern, entsprechend dem Durchmesser eines Wasserstoffatoms, sollen noch messbar sein. Um sicher zu stellen, dass sich die Testmassen auch auf Geodäten, das heißt im freien Fall, durch den Raum bewegen, müssen auf die Satelliten einwirkende, nicht auf die Gravitation beruhende Kräfte kompensiert werden. Ursachen dieser Kräfte sind insbesondere die Satelliten treffende Moleküle der Erdatmosphäre und die Partikel des Sonnenwindes, sowie der Druck der Photonen des Sonnenlichts. Mit speziellen Sensoren sollen die durch diese Kräfte verursachten Verschiebungen des Satellitengehäuses gegen die Testmassen gemessen und mit Hilfe kleiner Steuerdüsen rückgängig gemacht werden. Das unter der Adresse https://www.youtube.com/watch?v=VMVQBRC5FjQ abrufbare Video veranschaulicht das Funktionsprinzip.

Mit dem Modul LISA-Pathfinder, das am 3. Dezember um 05:04 MEZ vom Weltraumbahnhof Kourou mit einer Vega-Rakete gestartet wurde, will die ESA die Technologie der eLISA-Mission überprüfen. Als Testmassen dienen dem Satelliten zwei 46 Millimeter große, im Abstand von 38 Zentimetern in Vakuumkammern untergebrachte Gold-Platin-Würfel. Mit an Bord ist auch ein extrem empfindliches  Laser-Interferometer zur Abstandsmessung. LISA-Pathfinder soll insbesondere die Funktionalität der Inertialsensoren zur Messung der Positionen der Testmassen relativ zum Satelliten, des Laserinterferometers, des Kontrollsystem zur Steuerung der Kompensation von Störkräften und der Micro-Steuerdüsen überprüfen.

 

Nach dem Start wird der Satellit zunächst auf zunehmend elliptischen Bahnen die Erde umrunden und dann seinen „Arbeitsplatz“, den rund 1,5 Millionen Kilometer von der Erde in Richtung Sonne entfernten Lagrangepunkt L1 ansteuern.

 

LISA Pathfinder s journey

Weg des LISA-Pathfinder-Satelliten zum Lagrangepunkt L1

(Quelle: ESA/ATG Medialab)

Acht Wochen soll die Reise dauern. Ab dem ersten März 2016 soll dann die eigentliche, sechs Monate lange Testphase beginnen. Die ersten Ergebnisse erwarten die ESA-Techniker aber schon drei Monate nach Testbeginn. Verlaufen alle Tests positiv, dann sollte dem Bau des eLISA-Observatoriums nichts mehr im Wege stehen, es sei denn das Budget wird, wie bei anderen Projekten schon erlebt, wieder einmal zusammengestrichen.

01.11.2015
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Unsere Internetseite „Urknall-Weltall-Leben“ (UWL) erfährt viel positiven Zuspruch – vielen Dank für Ihr Interesse! Nach wie vor liegt unsere größte Herausforderung darin, dass sich die Vorkenntnisse der vielen Besucher deutlich unterscheiden. Wer sich als interessierter Laie erstmals mit Astronomie und Kosmologie befasst, der bekommt es mit einer Fülle verwirrender Begriffe und mehr oder minder komplexen Modellvorstellungen zu tun. Bislang haben wir darauf mit der Einführung des „Grundlagen-Dienstags“ reagiert, d. h. jeden Dienstag werden grundlegende Begriffe und Zusammenhänge aus verschiedenen Bereichen in Videos behandelt. Auch im Forum versuchen wir möglichst viele Fragen zu beantworten.

Im nächsten Schritt werden wir nun zusätzlich peu à peu ein kleines Astronomie-Tutorial einrichten. In lockerer Folge sollen astronomisch relevante, physikalische Gesetzmäßigkeiten aufgezeigt werden. Jörn Müller, der sich längst als tragende Säule unserer Projekte erwiesen hat, wird uns dankenswerterweise wieder nach Kräften unterstützen.

Da Astronomie ohne Mathematik eine rudimentäre Wissenschaft bleibt, werden, wo nötig, die Erklärungen durch mathematische Formeln und Gleichungen ergänzt. Das Tutorial will und kann selbstverständlich nicht dem Anspruch eines Lehrbuches gerecht werden. Es soll vielmehr als „UWL internes Nachschlagewerk“, als eine „lose Blattsammlung“ zum Verständnis ausgewählter astronomischer Probleme dienen. Je nach dem, wie viel Zuspruch wir mit dieser Idee erfahren, werden wir das Tutorial Schritt für Schritt erweitern. Wir beginnen mit pdf-Beiträgen im Download-Bereich, ggf. sind auch ein eigener Menüpunkt und ein Stichwortverzeichnis zum Auffinden spezieller Themen denkbar.

Für Kritik und Anregungen sind wir - wie immer - sehr dankbar.

Jörn Müller und Josef M. Gaßner (1. Nov. 2015)

P.S.: Sämtliche Tutorial-Betiräge finden Sie mittlerweile im eigenen Menüpunkt "Wissensbox" zusammengefasst.

16.10.2015
Publiziert in News

Vielleicht bin ich ja ein ängstlicher Typ, aber wenn mich mein Gefühl nicht trügt, dann haben die Apokalyptiker, die Verkünder unheilvoller Nachrichten, gerade Hochkonjunktur. Da liest man vom schleichenden Tod des Universums, das mehr und mehr verblasst, weil immer weniger Materie in Energie umgewandelt wird. Da berichten Geophysiker von gigantischen Magmablasen, die unter Hawaii, dem Marmarameer und dem Yellowstone Nationalpark aufsteigen und sich wahrscheinlich noch in diesem Jahrtausend zu ganze Landstriche verheerenden Supervulkanen entwickeln sollen. Andere warnen vor ins Meer abrutschenden Steilküsten geologisch instabiler Inseln, die Flutwellen von einigen hundert Metern Höhe auslösen können, und auch der Klimawandel, verbunden mit einem Abschmelzen der Gletscher und dem Anstieg der Meeresspiegel um viele Meter, soll nach Ansicht mancher Experten nicht mehr aufzuhalten sein. Und nun auch noch das: Nach Meinung einiger Geophysiker wird spätestens in einer Milliarde Jahren das Magnetfeld der Erde zusammenbrechen! – O.k., die heutigen „Erdlinge“ werden das nicht mehr erleben. Aber was bedeutet der Verlust des Magnetfeldes für die Erde und das künftige Leben?

Nach außen erscheint das irdische Magnetfeld als ein magnetischer Dipol mit Feldlinien, wie sie von einem Stabmagneten ausgehen. Doch von einem derartigen Stabmagneten im Inneren der Erde ist nichts zu finden. Stattdessen ist das Magnetfeld das Ergebnis eines sogenannten Geodynamos, dessen Funktionsweise grob mit dem eines Fahrraddynamos zu vergleichen ist. Ein Blick ins Innere der Erde zeigt einen Eisen-Nickel-Kern mit einem Radius von rund 3470 Kilometern. Der innere Teil des Kerns – Radius etwa 1220 Kilometer – ist fest, die sich daran anschließende, rund 2250 Kilometer dicke Eisenschicht, flüssig. Aufgrund des Temperaturgradienten im Erdinneren kommt es zu Konvektionsströmungen im flüssigen Eisen, wobei elektrisch leitfähiges Material nach oben strömt, dort abkühlt und anschließend wieder Richtung Erdzentrum absinkt. Die durch die Rotation der Erde hervorgerufene Corioliskraft, die auch dafür verantwortlich ist, dass sich z.B. Tiefdruckgebiete auf der Nordhalbkugel der Erde entgegen dem Uhrzeigersinn drehen, lenkt diese Konvektionsströmungen seitlich ab und versetzt sie in eine schraubenförmige Bewegung, wobei die unterschiedlich schnelle Rotation von innerem und äußerem Eisenkern die Strömungen zusätzlich verdrillt. In Gegenwart eines anfänglich schwachen Magnetfeldes wird durch die komplexe Bewegung des zu leitfähigen Säulen geformten Materials, ein elektrischer Strom induziert, der das Magnetfeld verstärkt, wodurch ein noch stärkerer Strom induziert wird, der wiederum das Magnetfeld noch mehr verstärkt … usw. Dieser Rückkopplungsmechanismus mündet schließlich in ein stabiles Magnetfeld mit einer Magnetfeldstärke – besser magnetischen Flussdichte – von, je nach Ort, 30 bis 60 Millionstel Tesla, bzw. 30 bis 60 Volt Sekunden pro Quadratmeter.

 

Erdmagnetfeld 800      

     Vereinfachte schematische Darstellung zur Entstehung des Erdmagnetfeldes (Bildquelle: httpsine.ni.comcsappdocpidcs-13385)
Wie die Abbildung zeigt, ist die magnetische Achse gegen die Erdachse geneigt und zwar gegenwärtig um etwa 11,5 Grad.

 

          Als die Erde noch sehr jung und heiß war, gab es noch keine Unterscheidung zwischen einem festen inneren und einem flüssigen äußeren Eisenkern. Das Material war insgesamt flüssig. Fragt sich: wann der innere Teil des Eisen-Nickel-Gemisches erstarrte. Da dieser Umschwung die Konvektion im Eisen und das Magnetfeld der Erde beeinflusst haben muss, sollte sich das auch in der Magnetisierung der Gesteine bemerkbar gemacht haben. Dazu haben Andy Biggin, Dozent für Palaeomagnetismus an der Universität von Liverpool und Kollegen, 363 Gesteinsproben unterschiedlichen Alters näher untersucht. Dabei zeigte sich, dass der magnetische Dipol der Erde vor rund 2,5 Milliarden Jahren zu schwächeln begann. Verantwortlich dafür dürfte die abnehmende Konvektion aufgrund der zunehmenden Auskühlung der Erde gewesen sein. Doch 1,2 Milliarden Jahre später, also vor rund 1,3 Milliarden Jahren, erstarkte das Magnetfeld wieder. Laut Biggin und Kollegen war das der Zeitpunkt, zu dem der innere Eisenkern erstarrte und sich die Konvektion wieder verstärkte. Zwar räumen die Forscher ein, dass ihre Interpretation der Daten nicht zweifelsfrei ist, doch sehen sie in der Verfestigung des Eisenkerns die wahrscheinlichste Erklärung für den abrupten Anstieg des Dipolmoments.

          Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Erde wird weiter auskühlen. Zwar zeigen die Daten, dass der Prozess langsamer voranschreitet als bisher angenommen, dennoch wächst der innere Kern um etwa einen Millimeter pro Jahr. Damit dürfte es noch mindestens eine Milliarde Jahre dauern, bis auch der äußere Kern soweit abgekühlt ist, dass er erstarrt und die Konvektion im Eisen zum Erliegen kommt. Dann bricht auch der Geodynamo und mit ihm das Magnetfeld endgültig zusammen und die Erde verliert ihren wichtigsten Schild gegen die kosmische Strahlung und den aus geladenen Teilchen bestehenden, mit bis zu 300 Kilometern pro Sekunde auf die Erde prasselnden Sonnenwind. Das Leben wird dann akut gefährdet sein, denn die durch die Partikelstrahlung verursachten Schäden im Erbgut der Lebewesen, der DNA, dürften die natürlichen Reparaturmechanismen sehr wahrscheinlich überfordern. Eine Fülle von mehr oder minder nachteiligen Mutationen wäre die Folge. – Insgesamt keine guten Aussichten für die Biosphäre der Erde!

          Aber es gibt Hoffnung! In einer Publikation vom April 2004 zeigen die Physiker G. Birk, H. Lesch und C. Konz, dass der im Prinzip „ungesunde“ Sonnenwind für eine „Restaurierung“ des Magnetfeldes sorgen könnte. Der Mechanismus beruht auf der Wechselwirkung des magnetischen, vollkommen ionisierten Plasmas des Sonnenwindes mit der nicht magnetischen und nur zum Teil ionisierten Ionosphäre der Erde. Aufgrund der Relativbewegung zwischen dem Plasma des Sonnenwindes und der Ionosphär, wird ein magnetisches Feld in der Ionosphäre induziert. Trifft also der Sonnenwind auf den Planeten, dann umströmen die mitgeführten Magnetfeldlinien den Planeten und legen sich wie ein schützender Mantel um ihn. Bei der Venus, die kein inneres Magnetfeld besitzt, ist dieser Effekt zu beobachten. Mit einem Dipolfeld hat das jedoch nichts gemein.

 

Magnetosphäre der Venus
      

                               Induzierte Magnetosphäre auf der Venus (Bildquelle: www.mps.mpg.de/161427/PPE-research)

 

In wie weit ein derart induziertes Magnetfeld das des irdischen Geodynamos ersetzten kann ist jedoch fraglich. Das Feld der Venus ist denn auch um drei bis vier Größenordnungen schwächer als das der Erde. Und vor allem: Es ist nicht konstant. Denn wenn der Sonnenwind „schwächelt“, dann geht auch das induzierte Feld in die Knie. Aber vielleicht wird das ja dereinst durch das unaufhaltsame Größenwachstum der Sonne kompensiert, das auch zu einer deutlichen Intensitätssteigerung des Sonnenwindes führen dürfte.

Jörn Müller (16. Okt. 2015)